Unter der Asche ist noch Glut!

Abt Martin Werlen OSB schreibt in seinem Büchlein „ Miteinander die Glut unter der Asche entdecken“ von einer bemerkenswerten Erfahrung: 

„Ein junger Mann hatte alle Chancen, dass sein Leben gelingen würde. Er war begabt, hatte   eine Umgebung, die ihn förderte, er genoss eine hervorragende Musikausbildung: Komposition und Geige. Alles sprach dafür, dass er ein berühmter Geiger werden würde. Aber nicht alles kommt immer so, wie wir uns das wünschen. So auch bei diesem jungen Mann nicht. Die Verletzungen bei einem schweren Autounfall im Alter von 18 Jahren beendeten seine Karriere als Geiger abrupt.

Bedauerlich. Er hatte alles, was es braucht, um ein erfolgreicher Musiker zu werden: Die Begabung, das Feuer, die Begeisterung, die Förderung. Und jetzt, von einem Moment zum anderen, war all das weg. Ein Aschenhaufen. Nicht durch eigene Schuld. Er saß nicht selbst am Steuer.

Alles vorbei – würden viele klagen. Schade! Bedauern. Resignation. Und er selbst? Wäre er ein eher konservativ handelnder Mensch gewesen, hätte er es vermutlich gleichwohl mit der Geige weiterprobiert. Mit ein wenig Verkrampfung wäre es vielleicht im Ortsorchester noch gegangen. Einfach halten, was noch zu halten ist. Wäre er ein eher progressiv handelnder Mensch gewesen, hätte er sich eventuell einer Aktionsgruppe angeschlossen, die sich für mehr Sicherheit im Straßenverkehr und für Unfallopfer engagiert.

Das waren nicht die Wege, die dieser junge Mann für sich wählte. Er stellte sich der Situation. Er versuchte das Beste daraus zu machen. Er entdeckte unter dem Aschenhaufen die Glut, die nicht zerstört wurde. Geigenspielen auf hoher Konzertstufe war nicht mehr möglich. Aber Dirigent auf hoher Konzertstufe konnte er werden. Und daran machte er sich mit allem Eifer. In der Zwischenzeit ist in ihm ein Feuer entfacht. Heute ist er einer der größten Dirigenten der Welt: Der 54-jährige Franz Welser-Möst.“

Die Glut unter der Asche entdecken – das ist auch ein Bild für das, was Ostern meint: auf die Kreativität Gottes zu vertrauen, der dem Leben immer wieder zum Durchbruch verhilft – vor und nach dem Tod. So ein Glaube hilft zum Leben und heilt die Wunden. Die kreativen Spuren Gottes zu entdecken und das Vertrauen in den Gott des Lebens zu erneuern, das ist mein Osterwunsch für Sie alle!