Pfingsten 2019

In diesen Tagen ist Europa in aller Munde, ein Thema gerade auch für alle, die mit benediktinischem Leben zu tun haben. Der hl. Benedikt, Patron Europas, hat nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches sehr viel zum Aufbau unseres Kontinents beigetragen. Er und seine Mönche haben Klöster gebaut, die in der Völkerwanderungszeit offen für alle waren und mit dem Gesamtpaket Glaube-Kultur-Bildung Gesellschaft geformt und tragfähige internationale Verbindungen geschaffen haben.
Durch die gelebte Gastfreundschaft geben sie auch heute vielen eine Herberge, die Glaubensvertiefung und Bildung, den Dialog der Wissenschaft mit der Religion oder der Religionen untereinander, die Ökumene, die Begegnung mit Kunst und Geschichte suchen. Es braucht solche Zellen, wo eine Alternative wächst zum Gegeneinander, wo menschliche und spirituelle Einheit und ein friedliches Zusammenwirken geübt werden.
Heute hat man oft den Eindruck als würde Europa nur aus Verträgen und Institutionen bestehen, die von Machtspielen und Egoismen bedroht sind. Als in Paris die Kathedrale von Notre Dame brannte meinte der EU-Ratspräsident im Blick auf die Reaktion der Bevölkerung, dass Europa nicht nur von Verträgen zusammengehalten werde, sondern von mehr. Was ist dieses „Mehr“, das Europa zusammenhält? Wohl auch die Spiritualität, die aus den christlichen Quellen schöpft, eine Spiritualität, die z.B. in den Klöstern konkret gelebt und praktisch geübt werden kann.
Europa ist nicht nur zu verhandeln und zu regeln, es braucht vielmehr eine Seele und verdient immer wieder auch das Gebet. Der bekannte Mailänder Kardinal Martini (1927-2012) hat ein Gebet für Europa geschrieben, dass ich allen empfehlen möchte:

Vater der Menschheit, Herr der Geschichte,
Sieh auf diesen Kontinent, dem du die Philosophen, die Gesetzgeber und die Weisen gesandt hast,
Vorläufer des Glaubens an deinen Sohn, der gestorben und wieder auferstanden ist.
Sieh auf diese Völker, denen das Evangelium verkündet wurde,
durch Petrus und durch Paulus,
durch die Propheten, durch die Mönche und die Heiligen.
Sieh auf diese Regionen,
bewegt durch das Zeugnis der Märtyrer,
berührt durch die Stimme der Reformatoren.
Sieh auf diese Völker, durch vielerlei Bande miteinander verbunden,
und getrennt durch den Hass und den Krieg.
 
Gib uns, dass wir uns einsetzen für ein Europa des Geistes,
das nicht nur auf wirtschaftlichen Verträgen gegründet ist,
sondern auch auf menschlichen und ewigen Werten:
Ein Europa, fähig zur Versöhnung,
zwischen Völkern und Kirchen,
bereit um den Fremden aufzunehmen,
respektvoll gegenüber jedweder Würde.
 
Gib uns, dass wir voll Vertrauen unsere Aufgabe annehmen,
jenes Bündnis zwischen den Völkern zu unterstützen und zu fördern,
durch das allen Kontinenten zuteil werden soll
die Gerechtigkeit und das Brot, die Freiheit und der Frieden. Amen.