Geist im Herzen

Wir haben kein besseres Wort als „Herz“, um anzudeuten, was in uns betroffen ist, wenn uns der Glaube erwischt. Mit „Herz“ sind nicht nur Gedanken, sondern auch Erfahrungen, Empfindungen und das Berührtsein in der Seele mitgemeint. Im Herzen wurzelt der Glaube, es ist die Basis für alles andere. Gott hat uns seinen Geist ins Herz gegeben (vgl. Röm 5,5). Wir haben einen Reichtum der Seele geschenkt bekommen, den man entdecken kann, wenn man sich nur öffnet. Und dabei bleibt es nicht. Beschenkt werden und Schenken gehören zusammen, Barmherzigkeit ist eine praktische Tugend, die sich auswirkt auf die Menschen, die in irgendeiner Weise arm dran sind. Die Tradition kennt deshalb sieben Werke der Barmherzigkeit, die anzeigen, dass Barmherzigkeit nicht fromme Absicht, sondern konkrete Taten bedeutet. Wie kann das zeitgemäß formuliert werden? Bischof Wanke von Erfurt hat nach einer Umfrage Folgendes gefunden, das immer wieder inspiriert:

Barmherzigkeit ist einem Menschen sagen:
Du gehörst dazu, ich höre dir zu,
ich rede gut über dich, ich gehe ein Stück mit dir,
ich teile mit dir, ich besuche dich,
ich bete für dich.

Eines sei hier besonders herausgehoben: „Ich rede gut über dich.“ Diese Tugend lässt an den hl. Benedikt denken, der einem seiner Verantwortungsträger im Kloster Folgendes mit auf den Weg gibt: „Wenn du jemand nichts geben kannst, dann gib ihm wenigstens ein gutes Wort.“ (vgl. RB 31,13). - Oft können wir nur zuhören, wir haben keine Antwort, keine Lösung parat, aber wenigstens ein gutes Wort, eine ehrliche Rückmeldung, ein Hoffnungszeichen sind manchmal hilfreicher alles andere. 

Um dafür gerüstet zu sein, können zwei praktische Beispiele zum Weiterdenken anregen:

Das eine ist, einmal die Namen der Personen zu notieren, mit denen wir verbunden sind (Familie, Freunde oder Kollegen) und zu jedem Namen eine positive Eigenschaft, eine gute Erinnerung dazuzuschreiben. Oft fallen uns wohl zuerst schlechte Eigenschaften ein. Die gibt es, die gehören (leider) auch dazu. Sie sind nicht wegzuharmonisieren, sie gehören bearbeitet oder wir lernen damit zu leben. Aber wenn es wenigstens eine positive Eigenschaft gibt, kann man ehrlich darauf zurückkommen und damit eine Basis für eine gute Beziehung finden.

Ein zweites Beispiel trifft die Schule, in der unsere Kinder eigene Stärken entdecken und ausbauen können. Aber sie lernen auch, dass sie manche Dinge vielleicht nicht so gut können wie die anderen, auch wenn sie sich noch so bemühen. Mit solchen Enttäuschungen umzugehen, ist für viele Kinder nicht leicht. Eine ehrliche und realistische Rückmeldung zu geben und dennoch ein gutes Wort nicht zu vergessen, ist einer Schule in Nordirland gelungen. Dort entscheidet das sogenannte "Transfer Exam", in welche Schule die Kinder nach der Grundschule weitergehen dürfen - ein großer Druck für die Elfjährigen. Um diesen ein wenig zu mindern, haben die Lehrer der Harmony Hill Primary School in Lisburn den Testergebnissen ihrer Schüler einen Brief beigelegt, der in den sozialen Netzwerken für viel Begeisterung gesorgt hat. Die Hauptaussage: Ihr seid mehr als eure Testergebnisse und wir sind stolz auf euch, egal wie ihr abgeschnitten habt. Wörtlich heißt es: "Bevor du den Umschlag mit deinem Ergebnis öffnest, bitten wir dich, zuerst diesen Brief zu lesen. In dem Umschlag findest du eine Punktezahl. Es ist eine Punktezahl, auf die du gewartet hast, aber es ist vielleicht nicht die Zahl, auf die du gehofft hast. Wenn das so ist, dann ist es ganz normal, dass du enttäuscht bist…. Gebt nicht zu leicht auf, wenn ihr es mal schwer habt. Werdet zu freundlichen, mitfühlenden, großzügigen, liebenden Erwachsen, die mit ihrem Leben die Welt ein Stück besser machen." (http://www.harmonyhillps.org)


Abt Johannes Perkmann OSB