Die Weltmuttersprache

Die Weltmuttersprache

Mit Pfingsten endet die Osterzeit und mit dem Schwung dieses Festes gehen wir in das weitere Jahr hinein. Ein Jahr, das sehr von der Erinnerung an schicksalshafte 8er Jahre geprägt ist. Viele Veranstaltungen bringen uns das ins Gedächtnis und die Inhalte werden uns wohl noch länger beschäftigen.
In seiner Gedenkrede zum 80. Jahrestag des 12. März 1938, die sehr lesenswert ist, schließt André Heller mit folgenden Sätzen: „Erlauben Sie mir Ihnen noch eine Merkwürdigkeit aus meinem Leben zu erzählen. Ich dachte Jahrzehnte lang, ich wäre etwas Besseres als andere. Klüger, begabter, amüsanter, zum Hochmut berechtigt. Ich war arrogant, selbstverliebt, ständig andere bewertend und es tat mir nicht gut, bis ich eines Tages in einem Wagon der Londoner U-Bahn um mich schaute. Da saßen und standen unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichster Hautfarbe und ich hörte unterschiedlichste Sprachen: In einer Art von Blitzschlag in mein Bewusstsein, erkannte ich, dass jede und jeder von diesen Frauen und Männern, alten und jungen, hoffnungsfrohen und verzweifelten, auch ich selbst bin und nicht Deutsch, Englisch, Russisch, Chinesisch, Spanisch, Arabisch oder Swahili unsere wirkliche Muttersprache ist, sondern die Weltmuttersprache ist und sollte das Mitgefühl sein. Es ermöglicht uns in jedem anderen, uns selbst zu erkennen und mit ihm innigst und liebevoll verbunden zu sein und diese Erkenntnis in weiterer Folge in all unseren Gedanken und Taten zu berücksichtigen. Mitgefühl!“
Es sind Sätze, die eine Grunderkenntnis dieses Gedenkjahres, so meine ich, sehr gut ins Wort bringen, aber noch mehr. Diese authentische und sehr persönliche Beschreibung einer mitfühlenden Verbundenheit ist urreligiös, im wahrsten Sinn des Wortes, hat ja das lateinische Wort „religere“ mit „Verbinden“ zu tun. Die Ahnung, dass wir Menschen zusammengehören, dass uns im Innersten etwas verbindet und dass es eine Sprache gibt, die alle verstehen, prägt auch das Pfingstfest. Pfingsten führt die Pilger aus vielen Ländern in Jerusalem zusammen und sie hören auf eine Sprache. Trotz aller Verschiedenheit gibt es eine Einheit, die Gottes Geist schenkt. Und alle verstehen eine Sprache: die Sprache, die von Herzen kommt, denn Gott hat uns seinen Geist ins Herz gegeben (vgl. Röm 5,5).
Dieser göttliche Geist in uns ist auch der Motor des guten Zusammenlebens. Das Gebot der Nächstenliebe kann auch so übersetzt werden: Liebe deinen Nächsten, er ist dir gleich (Martin Buber), oder auch: denn er ist wie du!
Viele aktuelle Fragen betreffen das Zusammenleben der Völker und Kulturen, wobei sich zwei Wege gegenüberstehen: Ausschließung oder Integration. Papst Franziskus schreibt uns das Zweite gegen alle Widerstände ins Stammbuch. Möge Pfingsten dieser Verbundenheit und der Sprache des Mitgefühls neuen Schwung verleihen! Der Geist weht, wo er will (vgl. Joh 3, 8)!