Die Bettlerin, Teil 2

Es war ein zugiger, kalter Novembersonntag in Salzburg. Ein Konzertbesucher stand vor dem Mozarteum und hatte gut sichtbar eine Eintrittskarte in der Hand. Er wollte sie gerne an jemand verkaufen, weil er eine zu viel hatte. Was sonst in Salzburg leicht geht, wollte an diesem Tag einfach nicht gelingen. Nur wenige kamen vorbei und alle lehnten das Angebot dankend ab. Sein Blick schweifte suchend umher, aber alles was er sah, war nur die leere Straße, ja und auch eine Bettlerin, die stumm dort saß. Kurz entschlossen ging er auf die Frau zu und lud sie ins Konzert ein. Es war nicht leicht, sich verständlich zu machen, aber schließlich stand sie unsicher auf und kam mit. Eine Bettlerin im Konzert! Die Wärme tat ihr gut, aber vor allem die Musik und die aufmerksame Zuwendung waren ein großes Geschenk für sie. Sie war jetzt wieder mehr als eine Bettlerin, sie war wieder ein Mensch.

Eine bekannte Geschichte von R. M. Rilke handelt auch von einer Bettlerin, von einer, die von ihm keine Münze als Spende bekam. Auf die Frage einer Begleiterin, warum er ihr nichts gebe, gab der Dichter folgende Antwort:  "Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand." 

Einige Tage später schenkte er  ihr eine Rose. Sie küsste seine Hand und ging freudestrahlend weg. Eine Woche lang war sie nicht mehr gesehen. Rilkes Begleiterin fragte, wovon sie denn in dieser Woche gelebt habe. „Von der Rose“ sagte er.

Schenken ist mehr als Almosen fallen lassen, Schenken hat mit Herz zu tun, nimmt den anderen als Menschen wahr, der eine Würde besitzt.

Manchmal wiederholen sich die Geschichten nicht nur zur Weihnachtszeit, wenn Menschen mit Herz handeln und schenken. Sie erzählen die Geschichte vom großen Geschenk dessen weiter, der auf die Erde gekommen ist, den Menschen in seiner Würde wunderbar wiederherzustellen.