Das goldene Reiskorn

Echtes Schenken hat mit Hergeben und Loslassen, mit Hineinversetzen in den anderen und mit mir selber zu tun. Das trifft die Packerl, die wir zu Weihnachten verschenken, das trifft in Wahrheit unser ganzes Leben.
Zu Weihnachten geht es nicht zuerst um Shoppen und Schenken, auch nicht um Chillen und Brunchen, es geht um viel mehr: um Erfüllung der Seele, um Annahme des großen Geschenks, das von Gott kommt.
Wir denken oft, wenn wir Spiritualität wagen und Glauben praktizieren, dann nimmt uns das etwas: die Leichtigkeit, die Freude, die Freiheit, den Genuss oder schlicht und einfach Zeit. Doch von Gott kommt viel mehr zurück, als wir uns vorstellen oder je bei Amazon bestellen können: wahres Glück, das von innen kommt, Sinn und Halt, die echt und tief verwurzelt sind.
Eine Geschichte von Rabindranath Tagore bringt das auf den Punkt:

Das Geschenk
Ich ging als Bettler von Tür zu Tür. Da erschien in der Ferne Dein goldener Wagen wie ein verheißener Traum. Ich fragte mich, wer dieser König der Könige sei. Hoffnung stieg in mir auf: ich erwartete Almosen, die geboten wurden, ohne dass man um sie bat. Der Wagen hielt an, wo ich stand. Du stiegst aus und lächeltest. Ich fühlte mein Lebensglück kommen. Da strecktest Du Deine rechte Hand aus und sagtest: "Was hast du mir zu schenken?" Welch ein Scherz war das? Bei einem armen Bettler betteln? Ich war verlegen, stand unentschlossen, da nahm ich ein Reiskorn aus meinem Beutel und gab es Dir. Doch wie groß war mein Erstaunen am Abend, als ich meinen Beutel umdrehte und zwischen dem wertlosen Plunder das kleine Korn wieder fand - zu Gold verwandelt. Da habe ich bitterlich geweint, und es tat mir leid, dass ich nicht den Mut gefunden hatte, Dir mein alles zu geben.


Von Herzen wünsche ich ein echt weihnachtliches Schenken und Beschenktwerden!

Abt Johannes